Ödipus auf Kolonos
28. Juli 2010, mb
Ödipus, der Vatermörder, der mit seiner Mutter vier Kinder gezeugt hat, der ausgestoßene, geächtete Vagabund, kommt, von seiner Tochter Antigone geführt, nach langen Jahren büßender Wanderschaft nach Kolonos, nach Athen, wo ihm das Orakel von Delphi endlich Ruhe im Tode verheißen hat.
Ihn, den letzten der großen Heroen und einzigen legitimen Herrscher Thebens, den vom Schicksal, von den Göttern unwissend in seine Verbrechen Getriebenen, ihn lieben diese grausamen Götter und verwandeln ihn mit seinem Tod in eine Schutzmacht für Athen, das ihm freundlich Asyl gewährt hat.
Welt ohne Götter
Fortan muss die Welt ohne die Götterähnlichen weiterleben, beherrscht von Usurpatoren (Ödipus’ Schwager Kreon) und Neulingen der Macht (sein Sohn Polyneikes), die den alten, sterbenden Mann mit Gewalt oder Überredung an sich zu bringen suchen, um dadurch ihre widerstrebenden Herrschaftsansprüche zu legitimieren.
Ödipus, der sich mit Jähzorn gegen diese Vereinnahmung wehrt, verflucht die Herrscher seiner Vaterstadt und schenkt sich der dem Gesetz verpflichteten Stadt Athen und ihrem Herrscher Theseus, der sich anschickt, die Demokratie zu entwickeln.
Die Ödipus-Mythologie
Dem Stück Ödipus auf Kolonos geht König Ödipus voran, der erste und zentrale Teil der Ödipus-Mythologie. Ödipus erschlägt unwissentlich seinen leiblichen Vater Laios, den König von Theben, und befreit Theben später von der Sphinx.
Für die Erlösung der Stadt wird er vom zeitweiligen König Kreon (Königin Iokastes Bruder und Ödipus’ Onkel) zum König gekürt und bekommt die Witwe Iokaste, seine eigene Mutter, zur Frau.
Mit ihr hat er vier Kinder: die männlichen Zwillinge Eteokles und Polyneikes sowie die Töchter Antigone und Ismene. Nachdem Iokaste und Ödipus viele Jahre später von der unheilvollen Erfüllung der Orakelprophezeiung und damit von ihrer wahren Identität erfahren, erhängt Iokaste sich, woraufhin Ödipus sich selbst das Augenlicht nimmt, seinen Tod aber dem Willen der Götter überlässt. Er verbannt sich selbst aus Theben und übergibt seine Kinder Kreon.
Diese Tragödie, mit 90 Jahren 406 v. Chr. geschrieben und erst fünf Jahre später posthum aufgeführt, ist Sophokles’ letztes Werk, mit ihr stirbt auch die attische Tragödie. (Peter Stein) (Quelle: Originalmeldung)
Ödipus auf Kolonos – Premiere: 25. August 2010 – Berliner Ensemble










