Die Küche der Margarete Schütte-Lihotzky

18. Juli 2010, mb

Dass sie fast ausschließlich mit dieser Küche identifiziert wurde, hat Margarete Schütte-Lihotzky geärgert. Schließlich hat sie vieles bis hin zu Wohnsiedlungen entworfen. Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge hat die 1926 entworfene “Frankfurter Küche” als architektonisches Konzept der Moderne in die Schausammlung integriert.

Die Frankfurter Küche ist im Gegensatz zu den Zeugnissen der romantisch geprägten utopischen Lebensreformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts ein Symbol des “Neuen”, in der Realität der Weimarer Republik angekommenen Bauens.

Prinzipien der Rationalität

Die Frankfurter Küche wurde 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky im Auftrag des Frankfurter Stadtbaurats Ernst May entworfen. Margarete Schütte-Lihotzky übertrug Prinzipien rationalisierter industrieller Massenproduktion auf den in der Architektur vornehmlich bürgerlich definierten Raum der Küche.

Es ging um die Optimierung und Taylorisierung der Arbeitsabläufe, um eine Steigerung der Effizienz auf minimalem Raum, um einen als Arbeitsplatz definierten Raum für eine Person.

Die Küche war als Teil des Konzepts “Wohnung für das Existenzminimum” für Arbeiterwohnungen gedacht, sollte in ihrer einfachen Gestaltung und Ausstattung die optimale Nutzung ausschließlich für die Funktion des Kochens (“Kochbetrieb”, “Kochlaboratorium”) gewährleisten und durch Rationalisierung Freiräume für gesellschaftliche Aktivitäten schaffen.

Die Anlage als standardisiertes Modulsystem ermöglichte eine Massenfertigung und damit die Senkung der Herstellungskosten. Sie fand eine große Verbreitung, wurde ca. 10.000 mal in den Frankfurter Siedlungen gebaut und zum Vorbild für die moderne Einbauküche. Es gibt auch nicht DIE Frankfurter Küche, sondern das Modell erfuhr in der Phase seiner Realisierung in verschiedenen Frankfurter Siedlungen bis 1931 diverse Variationen/Veränderungen.

Individuelles Interieur

Das Küchen Interieur soll in zwei Zuständen erlebbar sein: Zum einen die neutrale sachliche Anschauungsmöglichkeit des historischen Möbel Ensembles und zum anderen eine animierte Betrachtungsvariante mit einer akustisch visuellen Bespielung.

Grundlagen dieser poetisierenden Intervention und Animation sind die in der Küche materialisierten programmatischen Positionen, die Kommentare der Entwerferin, des historischen Umfelds und der späteren Nutzer sowie damit verbundene programmatische Positionen der Zeit, z.B. von Bruno Taut aus seiner Publikation “Die neue Wohnung” von 1924.

Leitbegriffe der 1920er Jahre

Inhaltlich geht es um eine Annäherung an die am Beispiel der Frankfurter Küche festzumachenden Leitbegriffe der 1920er Jahre: Sachlichkeit, Funktionalismus und vor allem Standardisierung.

Der Begriff der Standardisierung war nicht nur ein produktionstechnischer, sondern enthielt auch die ideologische Überzeugung der Aktivisten von Bauhaus und Werkbund, durch eine gleichförmige Gestaltung der alltäglichen Dinge zur Nivellierung der Klassengegensätze beizutragen.

Die Mechanisierung des Haushalts war im Kontext des egalitären demokratischen Wohnungsbaus der 1920er Jahre auch mit dem Willen zu gesellschaftlichen Veränderungen im Bezug auf die Geschlechterfrage verbunden.

Neues Leben, neue Menschen

Die Frankfurter Küche gehört zu den in den Modellen für das “Neue Leben” des “Neuen Menschen”, die in den 20er Jahren eine starke Konjunktur erlebten und die als extreme Abgrenzung von historisch bestimmten Identitätsanteilen zu werten ist.

Taut lehnt in seiner Schrift “Die neue Wohnung” die Präsenz von Erinnerungsstücken und von jeglichem “historischen Plunder” ab. Die wissenschaftliche Haushaltsexpertin der 1920er und 1930er Jahre Erna Meyer schreibt: “Jetzt geht’s ums Ganze; der neue Mensch sucht seine neue Haut!” (E. M., Wohnungsbau und Hausführung, 1927, S.89).

Das “sinnlose Chaos” der Welt sollte durch eine “planvolle Ordnung” ersetzt werden und die Vorstellung vom gesetzmäßigen Aufbau der Wirklichkeit ist eine der vom industriellen Produktionsprozess bedingten prinzipiellen Funktionalität und Rationalität, in die sich sowohl die Gegenstände als auch die Menschen eingliedern sollten.

Insbesondere die funktionale Küchenplanung für den Frankfurter Siedlungsbau lässt eine Konditionierung zum “vernunftgemäßen Gebrauch” durch eine “definitive” Architektur erkennen.

Der Einbau der Frankfurter Küche in die Schausammlung des Museums soll eine vertiefte Auseinandersetzung mit grundlegenden ästhetischen und politischen Positionen der Moderne ermöglichen. (Quelle: Originalmeldung)

Frankfurter Küche – Die Ratioalisierung des Haushaltes und die Industrialisierung des Privaten – Museum der Dinge – Berlin

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